Alle reden, nur nicht miteinander. Ein indifferentes Rauschen. In der Kompression zu einer ubiquitären Raumzeit, die uns ortlos macht, ist Einsamkeit nur durch pausenloses Reden, die alte Angstbewältigung, zu ertragen. Ist da wer? Es ist die Selbstvergewisserung, wenn nicht Selbstverliebtheit des Narziss, der im Spiegel des Wassers und im Echo seiner Worte nicht erkennt, dass sein Gegenüber er selbst ist.
– Theodor W. Adorno
(Quelle: gifmovie, via mariposima)
| Françoise: | Guten Tag, Herr Adorno. Ich gehe davon aus, dass die Leser dieser Zeitschrift mit der „Kritischen Theorie“ und der „Negativen Dialektik“ nicht so vertraut sind. Deswegen stelle ich sie kurz mit einigen Schlagworten vor, die natürlich grob vereinfacht und aus dem Zusammenhang gerissen sind: Wir leben in einem gesamtgesellschaftlichen Verblendungszusammenhang, das Gesamte ist die Lüge. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Die Totalität der Gesellschaft lässt einen Ausweg zu, die Scheinfreiheit der Individualität. Es ist jedoch nicht möglich, den kapitalistischen Verwertungszusammenhang, der auf Ausbeutung beruht, zu verlassen. Entsprechend Marx – für den das gesellschaftliche, ökonomische Sein das Bewusstsein bestimmt – gehen Sie davon aus, dass eine Veränderung des „beschädigten Lebens“ nicht individuell, sondern nur durch eine Veränderung des Systems geschehen kann. Analog zu Ihrer Aussage, dass ein richtiges Bewusstsein in einer falschen Welt nicht möglich ist, stellen Sie in Ihren musiktheoretischen Schriften fest, dass auch die gesellschaftlichen Reaktionsweisen auf Musik im Bann des falschen Bewusstseins stehen. Daher meine erste Frage an Sie: Welche ist Ihre Lieblingsfarbe, welches ist Ihr Lieblingstier, was essen Sie am liebsten? |
| Adorno: | Wie bitte? |
| Françoise: | Na gut, das war ein Scherz. In Ihrem Buch „Einleitung in die Musiksoziologie“ beschäftigen Sie sich mit Musikhören, Musikkonsum. Sie erstellen verschiedene Hörerprofile: den Experten-Hörer, den Bildungskonsumenten, den emotionalen Hörer, den Ressentiment-Hörer, den Jazz-Fan, den Unterhaltungshörer … Diese Hörertypen haben ein unterschiedliches Verhältnis zur Musik. Beginnen wir mit dem Experten-Hörer … |
| Adorno: | Ich nenne ihn auch den bewussten Hörer, denn er ist in der Lage, jederzeit Rechenschaft über das Gehörte abzulegen und dem Verlauf auch verwickelter Musik zu folgen und sie in einen Sinnzusammenhang zu stellen. Notenlesen ist übrigens die Voraussetzung menschenwürdiger musikalischer Bildung heute. |
| Françoise: | Es wird die Leser freuen, das zu hören. Diese Zeitung wird hauptsächlich von Konservatoriumsabsolventen, Meisterschülern und Gewinnern einschlägiger Wettbewerbe von Salzburg bis Donaueschingen gelesen. |
| Adorno: | Verstehe. |
| Françoise: | Im Gegensatz zum Experten steht der Bildungshörer oder Bildungskonsument, der seinen Musikgeschmack nach Prestigegewinn ausrichtet. |
| Adorno: | Der Bildungskonsument ist gut unterrichtet, hört viel, unter Umständen unersättlich, sammelt Schallplatten und respektiert Musik als ein Kulturgut, das man um der eigenen sozialen Geltung willen kennen muss. Er konsumiert nach der öffentlichen Geltung des Konsumierten. Dieser Hörertypus spricht besonders auf messbare Leistungen an: halsbrecherische Virtuosität, Technik als Mittel zum Zweck … |
| Françoise: | Sie meinen: Musikkonsum zur Erhöhung des eigenen sozialen Standes; in die Oper gehen, um gesehen zu werden? Höher pupsen, als der Auspuff hängt? |
| Adorno: | Wenn Sie das so ausdrücken wollen – ja. Dieser Hörertypus ist massenfeindlich und elitär. Musikalischen Neuerungen gegenüber ist er verschlossen, seine Ideologie ist meist reaktionär kulturkonservativ. |
| Françoise: | Sie sprechen außerdem vom emotionalen Hörer, dem die Musik eine reine Projektionsfläche für seine Gefühle ist. „Die Kulturindustrie plant ihn ein, denn er ist leicht zu steuern“, tendiert zum Kitsch und ist „leicht zum Weinen zu bringen“. Sehr interessant finde ich auch Ihre Konzeption des Ressentiment-Hörers. Vielleicht können Sie etwas dazu sagen? |
| Adorno: | Dieser Hörer verachtet das zeitgenössische Musikleben als scheinhaft, ausgelaugt und unecht. Er flüchtet sich in frühere Stilepochen, die er vom vorherrschenden Warencharakter der Verdinglichung geschützt wähnt. Er bildet sich ein, in früheren Perioden das Heile und Unverdorbene zu finden. |
| Françoise: | Den Jazz-Fan rechnen Sie den Ressentiment-Hörern zu? |
| Adorno: | Trotz aller improvisatorischen Exzesse bleibt der Jazz in einer erweitert impressionistischen Harmonik, einer simpel standardisierten Formgestaltung und einem starren Rhythmusgerüst befangen. Ich würde ihn eher dem Schlager, der leichten Musik zuordnen. |
| Françoise: | Das war immer wieder ein Streitpunkt zwischen Ihnen und Ihren Studenten, die Sie von den Qualitäten des Jazz überzeugen wollten. |
| Adorno: | Und ich hatte recht: Zehn Jahre später, in den Siebzigerjahren, hätte ich mich mit ihnen über den Wert oder Unwert von Bluesrock und endlosen Gitarrensoli gestritten. Sicherlich steckt im Jazz das Potenzial eines musikalischen Ausbruchs aus der Kultur. Aber der Jazz lässt sich immer wieder von der musikalischen und gesellschaftlichen Konformität auffangen. |
| Françoise: | Wir kommen jetzt zur zahlenmäßig größten Hörergruppe, denjenigen, die Musik zur Unterhaltung hören. |
| Adorno: | Diesen Hörern ist die Musik nicht mehr Sinnzusammenhang, sondern nur noch Reizquelle. Es geht um reinen zerstreuenden Komfort. Diese Art des Hörens ähnelt dem Rauchen. Sie wird eher durch das Unbehagen beim Abschalten des Radioapparates definiert als durch den bescheidenen Lustgewinn, solange er läuft. |
| Françoise: | Apropos, möchten Sie noch eine? |
| Adorno: | Bleiben wir jetzt bitte bei der Sache. Ohne dass dieser Typus politisch profiliert wäre, geht er konform mit jeglicher Herrschaft, die seinen Konsumentenstandard nicht allzu offensichtlich beeinträchtigt. Die Musik, die dieser Hörertypus konsumiert – die leichte Musik –, ist ein standardisiertes Produkt der Industrieländer. Diese Schlager funktionieren nach dem Muster der Identifikation. Sind Sie schon einmal auf den gespenstischen Sachverhalt aufmerksam geworden, dass synthetische Volksmusik besonders in ländlichen Gegenden erfolgreich ist? Der Hörer bevorzugt Lieder, die nicht zu sehr über das Altbekannte hinausgehen. Alles, was ihn an die Fragwürdigkeit der eigenen Existenz erinnert, ist ihm peinlich. Gerade weil dieser Hörer real in Unfreiheit lebt, ergreift ihn Wut, wenn die Kunst ihn daran erinnert. Dieses Gesamtsystem der Kulturindustrie führt zu fortschreitender Verdummung. Insofern ist die leichte Musik – entgegen aller Absicht, die man mit den läppischen Texten verfolgt – pure Ideologie. Welche Musik spielen Sie denn eigentlich, Fräulein Cactus? |
| Françoise: | [provozierend] Leichte Musik! |
| Adorno: | Gütiger Himmel, ich hoffe, ich bin Ihnen mit meinen Ausführungen nicht zu nahe getreten? |
| Françoise: | Keine Sorge, ich kann Kritik vertragen. Ich gehe in solchen Fällen mit einem Trommelstock in der Hand los und kläre die Sache persönlich. |
| Adorno: | [resignierend] Das habe ich befürchtet. |
| Françoise: | Unsinn. Ich mache leichte Musik, aber ohne Musikindustrie, ohne Zielgruppen-Konfektionierung, ohne Reklame-Etat, ohne plakatierte Litfaßsäulen, ohne Radio-kompatiblen Sound, ohne Profitmaximierung. Dafür aber international, ohne Grenzen stilistischer, linguistischer, geschlechtlicher oder geografischer Art. Das hat nichts mit Politik zu tun, auch nicht mit Versuchen von richtigem Leben im falschen: Es geht darum, dass man in der Musik eine Option hört, dass die Dinge auch anders sein könnten, als sie sind. |
| Adorno: | Sie geben sich da hoffentlich keinen Illusionen hin. |
| Françoise: | Herr Adorno, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. |
| Adorno: | Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite. |